Ein weiter Weg: Von der Tret-Druckmaschine bis zur volldigitalen Zeitung
Ein Spaziergang durch 125 Jahre Zeitungsgeschichte des Süderländer Tageblatt. Besonderheit: Ein Familienbetrieb
Altes Verlagshaus Verlagshaus in den 40er Jahren. Im Steinkamp steht damals nur ein bescheidener Anbau.

Im Jahre 1880 kam ein Buchdrucker namens Johann Ruckstuhl, der sich den damaligen Bräuchen entsprechend "auf der Walze" befand, nach Plettenberg. Bei ihm muß es sich um einen Mann mit Unternehmungsgeist und Weitblick gehandelt haben, denn er hatte bald erkannt, daß in dem damals noch kleinen Plettenberg der Boden zur Gründung einer Zeitung günstig war. So wagte er die Gründung einer Zeitung in dem damals nur 3000 Einwohner zählenden Plettenberg. Schon bald sollte sich zeigen, daß das Experiment gelungen war. Die Bevölkerung nahm die Zeitung als eine Bereicherung für ihr Städtchen gerne an. Zunächst erschien die junge Lokalzeitung zweimal wöchentlich als "Plettenberger Bote". Ein Jahr später, ab Januar 1881, erhielt sie den Titel "Süderländer Wochenblatt". Größe und Umfang der Zeitung waren anfangs natürlich bescheiden. Johann Ruckstuhl setzte das zunächst in Kleinformat erscheinende Blatt selbst und druckte es auf einer Handpresse.

Süderländer Tageblatt Schriftzug "Süderländer Tageblatt", in Gebrauch bis in die 30er Jahre.

Mehrfach wechselte die Zeitung in den Folgejahren ihren Besitzer. Mit dem Verleger Otto Maercker verbindet sich 1913 der Übergang zur täglichen Erscheinungsweise und die Ausdehnung des Verbreitungsgebietes auf die Gemeinde Herscheid. Nun hieß die Zeitung "Süderländer Tageblatt".

Der Erste Weltkrieg warf die Heimatzeitung zurück. Nicht rechtzeitig eintreffende Papiersendungen machten vorübergehende Einschränkungen nötig. Wie im Archiv des Süderländer Tageblattes festgehalten ist, wurden beim Stromausfall russische Kriegsgefangene zum Drehen der Druckmaschine eingesetzt. Diese Schwierigkeiten und Einschränkungen erwiesen sich fast als geringfügig gegenüber denen, die der zweite Weltkrieg mit sich brachte und unter denen in besonders starkem Maße die Heimatpresse zu leiden hatte.

Papier Lieferung Papierlieferung im Steinkamp in den 60er Jahren. Das Papier wurde mit einem Kran in den Keller transportiert und dort eingelagert.

Am 1. Oktober 1919 wechselte die Zeitung wieder ihren Besitzer. Sie wurde übernommen von dem einer alten westfälischen Verlegerfamilie entstammenden Zeitungsverleger Otto Hundt aus Hattingen. Seitdem befindet sich der Verlag des Süderländer Tageblattes im Besitz der Familie Hundt.

Die Inflationszeit und das "Tausendjährige Reich" waren schwere Zeiten für das ST. In den NS-Jahren sahen sich die Verantwortlichen der neutralen Heimatpresse durch Schikane der Herren des Dritten Reiches unter enormen Druck gesetzt.

Ein Opfer der Schließungswelle wurde das Süderländer Tageblatt. Es mußte am 31. Mai 1941 im Zuge der "Kräftekonzentration" vorläufig sein Erscheinen einstellen. Trotzdem gelang es dem Verlag, unter anderem Titel den Lesern des ST für die Dauer des Krieges eine Zeitung mit lokalen Nachrichten und Anzeigen anzubieten.

Erste Rotation Erste Koenig & Bauer-Rotation des ST, in Gebrauch bis 1960. Diese Maschine wurde abgelöst durch die VOMAG-Rotation, Baujahr 1911, die bis 2001 lief und heute im Westfälischen Freilichtmuseum Hagen museal erhalten bleibt.

Mit dem Einmarsch der Alliierten in Deutschland wurde die Herausgabe von Zeitungen zunächst grundsätzlich verboten. Gestattet wurde lediglich der Druck eines zunächst einmal wöchentlich, später dann zweimal wöchentlich erscheinenden zweiseitigen Bekanntmachungsblattes erlaubt, in dem vor allem Anordnungen der Besatzungsmacht sowie Bekanntmachungen der Kreis- und Ortsbehörden erschien. In erster Linie waren es die Bekanntgaben über die aufgerufenen Lebensmittel, die dieses Bekanntmachungsblatt bei der Bevölkerung so begehrenswert machte.

Groß war dann aber die Freude nicht nur beim Verlag, sondern gleichermaßen bei dem alten Leserstamm, als der Lizenzzwang endlich aufgehoben wurde und die altvertraute Heimatzeitung wieder erscheinen durfte. Nach achtjähriger Unterbrechung verließen am 29. Oktober 1949 die ersten Exemplare des Süderländer Tageblattes im alten Gewande die Rotationsmaschine.

Umbruch Blei Bleiumbruch der Lokalseiten, so üblich bis 1985.

Die Jahre seit 1949 waren gekennzeichnet von einem ständigen technischen Wandel und fortlaufenden Modernisierungen. Das Setzblei wich der volldigitalen Zeitungsproduktion, die Buchdruckmaschine einer hochmodernen Offsetrotation, das schwarz-weiße Zeitungsbild wurde bunt. Seit 1994 erscheint das ST morgens, nicht mehr nachmittags. Neben die Zeitung wurde das wöchentlich herausgegebene Anzeigenblatt "Der Bote" gestellt, das in Kooperation mit dem Märkischen Zeitungsverlag herausgegeben wird. Die "Internet-Zeitung" schickt sich an, das nächste "Kind" des Verlages zu werden.

Nach wie vor ist der Verlegername Hundt fest mit dem Tageblatt verbunden. Auf Otto Hundt folgten Dr. Herbert Hundt, Valerie Hundt und nun Camilla Hundt und Stefan Aschauer-Hundt.

Als Familienunternehmen ist das Tageblatt als verläßlicher Partner eingebunden in die Zeitungsgruppe Lüdenscheider Nachrichten / Westfälischer Anzeiger.

Einsteckmaschine Mit einer Müller-Martini-Einsteckmaschine werden Beilagen in die Zeitúng eingelegt (Fotozeitpunkt: Herbst 2001).

Mögen sich auch die Zeiten und die Medienwelt geändert haben: Die Aufgabe, der sich Verlag und Redaktion verpflichtet fühlen, bleibt die gleiche. Was hierzu in den Jubiläumsausgaben zum 75- und 100-jährigen Jubiläum gesagt wurde, kann an dieser Stelle wiederholt werden: "Die Aufgabe aber, der alle Arbeit von Verlag und Redaktion dient, ist heute und in Zukunft dieselbe wie vom Gründungstage an: objektiv und überparteilich in der Berichterstattung zu sein, allem Neuen mit Aufgeschlossenheit gegenüberzustehen - dabei gleichermaßen verbunden dem gesunden Fortschritt wie der bewährten Tradition.

hgf/as