Von Ursula Neukirch
PLETTENBERG ■ So gruselig, wie es drei Titel - fast zum Anfang des Konzert-Programms beim Neujahrsempfang der Stadt Plettenberg 2012 - zu versprechen schienen, wurde es dann zum Glück doch nicht - ganz im Gegenteil: Am Ende tobte die Schützenhalle vor Vergnügen ob der Inszenierungen des Dirigenten und Chorleiters Michael Nathen.
Zum vierten Male war er zu dieser wundervollen und einzigartigen Veranstaltung unserer Stadt für die ehrenamtlich wirkenden Bürger ausgesucht worden. Er hatte die Junge Philharmonie Lennestadt und die Chöre Aviva, Gaudium und Junger Chor Eslohe zu einem brillanten Klangkörper zu vereinigen gewusst. Das ist Schwerstarbeit, wenn man die Individualität jeder Formation bedenkt. Stets hatte er alle fest im Blick und den Händen.
Nach der Rückschau von Bürgermeister Klaus Müller und der Aussicht für dieses Jahr übernahm Bernd Heimann - im normalen Beruf Apotheker - die kurzweilige Moderation des Konzertes. Dankenswerterweise hatte Michael Nathen Stücke ausgesucht, die das Ohr der Hörer bezüglich der Lautstärke nicht überforderten. Zum Beginn lud er ein mit der funkelnden Ouvertüre zur Oper "La clemenza di Tito" von W. A. Mozart mit einem auffordernd, fanfarenartigem Vorspann in einem zweigeteilten Sonatensatz, der grüne Hügel vor das geistige Auge zauberte. Hier schon zeigten die jungen, hochmotivierten Musiker ihr staunenswertes, dynamisches Wollen und Können.
Es folgten die drei "Grusel-Titel" "Spiel mir das Lied vom Tod" von Ennio Morricone, "Piraten der Karibik" von Klaus Badelt und die "Winnetou-Melodie" von Martin Böttcher. In dem ersten Titel hatte Eva Schröder den Solo-Sopran übernommen. Nach einem kurzen Aufbranden des Orchesters setzte die Sopranistin mit äußerstem Pianissimo ein und entwickelte gekonnt diszipliniert zum Forte mit einer viel versprechenden, warmen Stimme. Auch der Choreinsatz gelang pianissimo.
Die folgenden, vorgenannten Kompositionen entpuppten sich mit klingendem Schlagwerk, Tomtoms und Summchor als bekannte, schmeichelnde Pop-Songs. Sie forderten Konzentration, die von den Musizierenden gebracht wurde.
Zum zehnjährigen Bestehen der Jungen Philharmonie Lennestadt spielte die Konzertmeisterin Esther Delport auf der Solo-Violine eine Meditation aus der Oper "Thais" von J. Massenet mit süßem Ton und wundervoller Phrasierung, auch bei hinzukommendem Orchester und Summchor mit nun starkem Strich noch hörbar. Die gleichfalls viel versprechende Stimme des Tenors Ralf Schmidt rief die ersten "Bravo"-Rufe hervor. Von Beruf Architekt, fehlt ihm lediglich eine fortlaufende Bühnenpräsenz zum sängerischen Berufssolisten. Souverän trug er aus der Oper Turandot von Puccini die Arie "Nessun Dorma" vor.
Herzerfrischend war das von Michael Nathen in der ganzen Bandbreite von Orchestrierungsmöglichkeiten zusammengestellte Medley verschiedener Abba-Hits. Hier konnte der Chor seine Sangeslust ausleben - beachtlich mittendrin ein Pianoeinsatz. Vor der Pause waren die Sopranistin Simone Kaiser - Lehrerin in Lennestadt - und Ralf Schmidt in einem Duett aus der Oper La Traviata von Giuseppe Verdi überzeugend zu hören - es gab stürmischen Applaus.
Nach der Pause stimmte Bernd Heimann erneut ein mit dem Zitat eines deutschen Humoristen: "Morgen können wir dann lesen, wie es uns gefallen hat." Es gefielen aus den dreißiger Jahren der Marsch von Paul Linke Folies Bergère mit Schmiss und Tschingderassabum, aber auch einfühlsam zurückgenommener Lautstärke. Der "Kaiserwalzer" von Johann Strauß begann mit einer besonders sensiblen Flöte, schwebend über allem und von Michael Nathen mit unerhört und noch nie gehörtem zurückgenommenem Tempo, mit phantastisch verzögerter Eile und einem elegischen Cello, so dass im besten Sinne fast ein neues, stimmiges Stück entstand! Erinnerung an Franz Schuberts entzückende Walzer kamen auf - mitsamt den Horneinwürfen.
Ralf Schmidt bekam wieder Sonderapplaus für "You raise me up" von Rolf Lovland und eingerichtet von Michael Nathen. Ein quicklebendiges Orchester spielte die Konzentration fordernde Erkennungsmelodie von "Miss Marple", mit einer Bluenote frech und cool beschließend.
Großstadtniveau hatte das ausgereifte Duett mit Simone Kaiser und der Altistin Christa-Maria Jürgens - "Barcarole" von Jacques Offenbach mit mütterlich warmem Timbre. War da zum Schluss eine kleine, orchestrale Trübung? Für die Kirchenmusikliebhaber erklang das hierorts wenigstens schon zwei Mal zu Gehör gekommene "Halleluja" von G. F. Händel in der Originalsprache Englisch.
Mit dem freundlichen Angebot mitzusingen, verwandelte Christa-Maria Jürgens flugs die bis auf den letzten Platz gefüllte Schützenhalle in einen ohne Intonationsschwierigkeiten aus dem Stand hertz-rein singenden Großchor von Plettenbergern mit dem allseits bekannten "Oh happy day". Die Bühnenmusiker fanden zu recht die Plettenberger "spitze". Den Musikern wurde mit stehendem Applaus gedankt und Bürgermeister Klaus Müller - sicher auch in allen Bühnenanforderungen - dirigierte souverän den Radetzky-Marsch von Johann Strauß, unterstützt vom rhythmischem Klatschen der Bürger.
Eine letzte, beschwingte Zugabe war dann noch einmal der Marsch von Paul Linke Folies Bergère. "Meine Güte, war das schön", seufzte eine Plettenbergerin und auch Kulturamtsleiterin Barbara Benner war voll des Lobes und hörte rundum nur begeisterte Stimmen: "Das war wirklich ganz großes Kino."
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© 2012 Süderländer Tageblatt, Plettenberg
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